Körperarbeit und Gesundheitswesen

Das Arbeitsfeld von Körperarbeit und Gesundheitswesen ist so weit wie die unterschiedlichen Zugänge der Menschen zu ihrem Körper und ihrer Gesundheit. Wer sich professionell in diesem Feld bewegt, wird mit diesen sehr unterschiedlichen Zugängen konfrontiert. Sehr oft spielt hier der Geschlechterunterschied eine große Rolle, allzu selten wird das gesehen oder werden daraus Konsequenzen gezogen.

Meist denkt man zuerst an Körperunterschiede und unterschiedliche Krankheiten von Männern und Frauen, welche spezifische Aufmerksamkeit verlangen. Das Gesundheitssystem hat hier einige Fortschritte gemacht, ist aber bei weitem noch nicht befriedigend geschlechterspezifisch. Darüber hinaus gibt es aber häufig verschiedene Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen bezüglich Selbstsorge und Krankheit zwischen den Geschlechtern - ein klassisches Beispiel ist die mangelnde Inanspruchnahme ärztlicher oder heilkundlicher Hilfe durch Männer.

Alle PatientInnen oder KlientInnen, Kunden oder Mitglieder kommen mit gänzlich individuellen Bedürfnissen, Nöten und Wünschen. Zur Besonderheit dieses Arbeitsfeldes gehört es, dass diese Bedürfnisse sehr persönlich sind - alles, was den Körper oder die Psyche betrifft, wird in der Regel als intim und grundsätzlich unöffentlich empfunden. Sich damit jemandem anzuvertrauen, bedeutet diese Privatheit zumindest teilweise zu verlassen, und dies ist nicht für alle Menschen leicht. Wer in heilenden oder helfenden Berufen oder im Management derselben arbeitet, muss sich dieses Umstandes bewusst sein und entsprechende Sensibilität walten lassen, vor allem auch im Erstkontakt.

Wie die Forschung gezeigt hat, sind hierbei Männer und Frauen oft sehr unterschiedlich. Sie brauchen eine unterschiedliche Ansprache oder haben andere Hemmschwellen, benötigen auf verschiedene Arten Zuspruch und Unterstützung. Es bedarf hier aber nicht voreiliger Zuschreibungen, wie: Frauen sind 'natürlich körpersensibel', Männer 'nachlässig körperfern', sondern vielmehr eines genauen Hinschauens: Welche Frauen und welche Männer gehören zu meinem Klientel (oder meiner Zielgruppe), mit welchen Anliegen kommen sie, welche konkreten Unterschiede bringen sie mit? Wie muss ich werben oder ansprechen, um Frauen wie Männer zu erreichen, welche Angebote brauchen sie, welche Zugangshindernisse gilt es abzubauen?

Seit langem schon ist klar, dass unser Gesundheitssystem bestimmten Bedürfnissen von Frauen nicht gerecht wird; entsprechend wurden frauenspezifische Angebote entwickelt, Frauengesundheitszentren gegründet etc. Demgegenüber wird, was in den angelsächsischen Ländern schon fast ein alter Hut ist, hierzulande langsam deutlich: Auch Männer fühlen sich im klassischen Gesundheitssystem oft nicht richtig aufgehoben und bräuchten spezielle Angebote.

Ebenso vielfältig wie die Kundschaft ist in diesem Arbeitsfeld die Gruppe der AnbieterInnen. Für alle in diesem Bereich Tätigen, sei es als ärztin, Osteopath, VersicherungsmitarbeiterIn, Krankenhauspförtnerin oder Heilpraktiker, gilt, dass sie als Frau oder Mann einem hilfesuchenden Menschen gegenübertreten, der auch ein Geschlecht hat. Wie stehe ich als helfende Person einer Patientin des eigenen Geschlechts gegenüber? Wie einer Person des anderen Geschlechts? Wie berühre ich als HeilkundlerIn meine Klientin, wie meinen Klienten? Bin ich mir meiner eigenen Geschlechtlichkeit hier bewusst? Habe ich Präferenzen, Schwierigkeiten, Ängste? Wie gehe ich mit meiner eigenen Gesundheit als Frau oder Mann um? Diese Dimension des heilenden/helfenden Kontaktes muss ebensosehr reflektiert werden wie die Geschlechtsspezifik der KundInnen.

Schließlich gibt es noch die Ebene der Struktur. In allen Strukturen, in denen wir arbeiten, spielt Geschlecht eine Rolle - je mehr wir dies anerkennen, umso produktiver können wir damit umgehen. Gerade im Gesundheitsbereich, der Person und Geschlecht so elementar berührt, stellen sich Fragen nach der Raumgestaltung, der Geschlechterstruktur der Institution, der Kommunikation zwischen Männern und Frauen im Team, dem Erscheinungsbild nach außen und dergleichen mit besonderer Brisanz. Egal wie die Struktur der Organisation aussieht - es wird eine Auswirkung haben sowohl auf das Innen (KollegInnen), als auch auf das Außen (KundInnen, Kooperationspartner, etc.) Ein bewusster Umgang damit hilft beiden Seiten.

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